Sparen für die Wettbewerbsfähigkeit des europäischen Kapitals

Autoritäre Austeritätspolitik in der Eurokrise

Als am 15.​03.​2013 die eu­ro­päi­schen Staats-​ und Re­gie­rungs­chefs nach einem zwei­tä­gi­gen Gip­fel in Brüs­sel vor die Pres­se tra­ten, hat­ten sie wenig zu ver­kün­den. Keine kon­kre­ten Be­schlüs­se und auch keine neuen Ver­ein­ba­run­gen Hin­ter den ver­schlos­se­nen Türen wurde je­doch über den Pakt für Wett­be­werbs­fä­hig­keit ver­han­delt, des­sen Grund­zü­ge die deut­sche Kanz­le­rin schon auf dem Welt­wirt­schafts­fo­rum in Davos skiz­ziert hatte. Die­ser soll nach den Wün­schen der deut­schen Bun­des­re­gie­rung, ähn­lich wie der Fis­kal­pakt, ab­seits des eu­ro­päi­schen Rechts als völ­ker­recht­li­cher Ver­trag zwi­schen den Mit­glieds­län­dern und der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on ge­schlos­sen wer­den. Darin sol­len sich die Mit­glieds­län­der ver­pflich­ten, be­stimm­te Ele­men­te ihrer Volks­wirt­schaf­ten an­zu­pas­sen oder um­zu­bau­en, d.h. Struk­tur­re­for­men in Be­rei­chen durch­zu­füh­ren, die „nicht dem not­wen­di­gen Stand der Wett­be­werbs­fä­hig­keit ent­spre­chen“. Hier wird es sich dann haupt­säch­lich „um Dinge wie Lohn­zu­satz­kos­ten, Lohn­stück­kos­ten, For­schungs­aus­ga­ben, In­fra­struk­tu­ren und Ef­fi­zi­enz der Ver­wal­tun­gen gehen“, wie An­ge­la Mer­kel in Davos er­klär­te. Der Pakt für Wett­be­werbs­fä­hig­keit ist der bis­her letz­te Bau­stein auf eu­ro­päi­scher Ebene, mit dem der neo­li­be­ra­le Drei­klang aus Li­be­ra­li­sie­rung, Pri­va­ti­sie­rung und So­zi­al­ab­bau eu­ro­pa­weit (wo nötig au­to­ri­tär) als zen­tra­le Kri­sen­lö­sungs­stra­te­gie der EU in­sti­tu­tio­nell ver­an­kert wer­den soll.

Kri­sen des Ka­pi­ta­lis­mus

Ziel die­ser au­to­ri­tä­ren Aus­te­ri­täts­po­li­tik ist eine Sta­bi­li­sie­rung des kri­sen­haf­ten Ka­pi­ta­lis­mus in der EU. Um eine ober­fläch­li­che Deu­tung (z.B. ‚Gier, wild­ge­wor­de­ne und de­re­gu­lier­te Fi­nanz­märk­te‘) zu ver­mei­den, lohnt ein Blick auf die man­nig­fal­ti­gen Kri­sen, die zur Eu­ro­kri­se führ­ten. Die Sub­pri­me-​Kri­se traf 2007 mit der Fi­nanz­in­dus­trie der USA ein Zen­trum der glo­ba­len ka­pi­ta­lis­ti­schen Öko­no­mie. Tau­sen­de Pre­kä­re (‚Sub­pri­me-​Seg­ment‘) waren nicht mehr in der Lage, ihre Im­mo­bi­li­en­kre­di­te zu be­glei­chen. Die Im­mo­bi­li­en­prei­se san­ken dras­tisch, Hy­po­the­ken­pa­pie­re wur­den quasi über Nacht wert­los. Es folg­ten Ban­ken­kri­sen – zu­nächst in den USA – spä­ter auch in eu­ro­päi­schen Staa­ten, deren Ban­ken über ver­brief­te Wert­pa­pie­re am US-​ame­ri­ka­ni­schen Im­mo­bi­li­en­markt be­tei­ligt waren. Das Durch­bre­chen der Sub­pri­me­kri­se auf die welt­wei­ten De­ri­va­ten­märk­te führ­te bei vie­len eu­ro­päi­schen Ban­ken zu Re­fi­nan­zie­rungs-​ und Li­qui­di­täts­pro­ble­men sowie auch zu einem Aus­trock­nen des in­ner­eu­ro­päi­schen In­ter­ban­ken­kre­dit­markts. Die Fi­nanz­kri­se wurde so auch zu einer Re­fi­nan­zie­rungs­kri­se des In­dus­trie­ka­pi­tals und damit zu einer um­fas­sen­den Krise des (nord­at­lan­ti­schen) Ka­pi­ta­lis­mus. Die na­tio­na­len Re­gie­run­gen in Eu­ro­pa re­agier­ten mit der ‚Ret­tung‘ sys­tem­re­le­van­ter Ban­ken – d.h. indem sie die Ver­lus­te der Ban­ken so­zia­li­sier­ten – und Kon­junk­tur­pro­gram­men. Die von den eu­ro­päi­schen Na­tio­nal­staa­ten fi­nan­zier­ten und von der EU nur not­dürf­tig zu einem ge­samt­eu­ro­päi­schen Paket ver­knüpf­ten – Kri­sen­in­ter­ven­tio­nen wie­sen eine deut­li­che Schlag­sei­te auf.

Der Schwer­punkt lag auf an­ge­bots­sei­ti­gen Maß­nah­men, d.h. auf einer Stär­kung der Ver­wer­tungs­be­din­gun­gen des Ka­pi­tals. Nach­fra­ge­ori­en­tier­te Maß­nah­men waren dem­ge­gen­über von deut­lich ge­rin­ge­rem Um­fang und dar­über hin­aus – siehe Ab­wrack­prä­mie – teils öko­lo­gisch frag­wür­dig und öko­no­misch wenig nach­hal­tig. Durch die In­ter­ven­ti­ons­pro­gram­me, aber auch durch so ge­nann­te ‚au­to­ma­ti­sche Sta­bi­li­sa­to­ren‘ – z.B. stei­gen­de Aus­ga­ben für Ar­beits­lo­sen­geld im Kon­text der Krise – stieg eu­ro­pa­weit die Staats­ver­schul­dung an. Da in der Regel gleich­zei­tig das BIP sank, ver­än­der­te sich die Staats­schul­den­quo­te (Staats­schul­den im Ver­hält­nis zum BIP) dabei we­sent­lich. Be­son­ders deut­lich stieg die Staats­schul­den­quo­te in den Län­dern der eu­ro­päi­schen Pe­ri­phe­rie, deren in­ner­eu­ro­päi­sche Wett­be­werbs­fä­hig­keit sich ge­gen­über den Län­dern des ex­port­star­ken Zen­trums (u.a. Deutsch­land, Ös­ter­reich, Finn­land und die Nie­der­lan­de) – durch eine Aus­ein­an­der­ent­wick­lung der Lohn­stück­kos­ten (be­dingt unter durch sin­ken­de Re­al­löh­ne in Deutsch­land), aber auch durch eine hö­he­re In­fla­ti­on – in den Vor­jah­ren ver­schlech­tert hatte. In Ir­land und Grie­che­land stieg sie zwi­schen 2009 und 2011 je­weils um knapp 40 Pro­zent­punk­te, in Spa­ni­en, Ita­li­en und Por­tu­gal be­trug der Zu­wachs zwi­schen 15 und 25 Pro­zent­punk­ten. Von Fi­nanz­markt­ak­teu­ren wur­den die pe­ri­phe­ren Län­der in der Folge zu­neh­mend mit Skep­sis be­trach­tet. Es folg­ten ab 2010 zahl­rei­che Her­ab­stu­fun­gen der Län­der durch die Ra­ting­agen­tu­ren S&P, Moody’s und Fitch, die die Sta­bi­li­tät der Eu­ro­zo­ne ins­ge­samt in Frage stell­ten – aus der Staats­schul­den­kri­se wurde die Eu­ro­kri­se. Dis­kur­siv wurde die öko­no­mi­sche Di­ver­genz gleich­zei­tig zu einer Frage der Moral: Aus den Län­dern des eu­ro­päi­schen Zen­trums wur­den – nicht zu­letzt in der me­dia­len Selbst­wahr­neh­mung – spar­sa­me ‚Mus­ter­schü­ler‘, aus den Staa­ten der Pe­ri­phe­rie ver­schwen­de­ri­sche ‚PIIGS‘ (Schwei­ne). Dass die Ex­port­in­dus­trie der Zen­trums­staa­ten jah­re­lang von der Schwä­che der Pe­ri­phe­rie pro­fi­tiert hatte und die Ex­port­über­schüs­se zen­tra­ler Be­stand­teil der Krise waren, wurde aus­ge­blen­det.

Bau­stei­ne au­to­ri­tä­rer Aus­te­ri­täts­po­li­tik

Je mehr sich die öf­fent­li­che De­bat­te auf die öf­fent­li­chen Aus­ga­ben kon­zen­trier­te und je mehr sich die Fi­nanz­kri­se in die Staa­ten selbst ver­scho­ben wurde, umso mehr tra­ten die dis­zi­pli­nie­ren­den As­pek­te in den Fokus des eu­ro­päi­schen Kri­sen­ma­nage­ment. Mit dem Dis­kurs von an der Krise un­schul­di­gen ‚Mus­ter­schü­lern‘ und für die Krise ver­ant­wort­li­chen ‚PIIGS‘ war der Deu­tungs­rah­men eta­bliert, der im­pli­zit und ex­pli­zit die Po­li­tik der EU in den fol­gen­den Jah­ren präg­te. Das Kri­sen­ma­nage­ment der EU ziel­te in der Folge auf eine Wie­der­her­stel­lung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit des eu­ro­päi­schen Ka­pi­tals über die Durch­set­zung von Spar- bzw. Aus­te­ri­täts­po­li­tik in der eu­ro­päi­schen Pe­ri­phe­rie – not­falls auch gegen In­sti­tu­tio­nen na­tio­na­ler und eu­ro­päi­scher De­mo­kra­tie. Da sich eine der­ar­ti­ge Po­li­tik an­ge­sichts der zu er­war­ten­den Wi­der­stän­de nur be­grenzt über eine Än­de­rung der EU-​Ver­trä­ge durch­set­zen ließ, setz­ten eu­ro­päi­sche In­sti­tu­tio­nen und eu­ro­päi­sche Zen­trums­staa­ten po­li­tisch auf ein Bau­stein­sys­tem. Ein sys­te­ma­ti­sches Kon­troll­sys­tem au­to­ri­tä­rer Aus­te­ri­täts­po­li­tik wurde auf eu­ro­päi­scher Ebene über Tei­lel­men­te ver­an­kert, die teils über zwi­schen­staat­li­che Ver­trä­ge, teils über eu­ro­päi­sche Ver­ord­nun­gen be­schlos­sen wur­den. „Weil sich eine Stand­ort­po­li­tik als Aus­te­ri­täts­po­li­tik, die auf Um­ver­tei­lung, So­zi­al­kür­zun­gen und öf­fent­li­che Spar­pro­gram­me setzt, gegen den Wi­der­stand der Be­völ­ke­rung […] nicht ‚au­to­ma­tisch’ über den Me­cha­nis­mus des Wett­be­werbs im aus­rei­chen­den Maße durch­set­zen lässt, soll sie nun […] zen­tral ver­ord­net wer­den“, be­schreibt der So­zi­al­wis­sen­schaft­ler An­dre­as Fisahn tref­fend die Aus­rich­tung der eu­ro­päi­schen Po­li­tik.

Als Kom­pass dient der Eu­ro-​Plus-​Pakt, mit dem sich die Staats-​ und Re­gie­rungs­chefs am 25.​03.​2011 auf Leit­li­ni­en des Kri­sen­ma­nage­ments ei­nig­ten: Diese um­fas­sen unter an­de­rem Ein­grif­fe in die Ta­rif­aus­ein­an­der­set­zun­gen, um Löhne zu sen­ken (etwa durch die „Si­cher­stel­lung, dass die Ta­rif­ab­schlüs­se im öf­fent­li­chen Sek­tor den auf eine Stei­ge­rung der Wett­be­werbs­fä­hig­keit ge­rich­te­ten An­stren­gun­gen im Pri­vat­sek­tor för­der­lich sind“); eine Er­hö­hung des Ren­ten­ein­tritts­al­ters und der Le­bens­ar­beits­zeit; eine Sen­kung der Be­steue­rung des Fak­tors Ar­beit bei „gleich­zei­ti­ger Wah­rung des Ge­samts­steu­er­auf­kom­mens“ – d.h. eine Ver­schie­bung der Steu­er­last auf die Lohn­ab­hän­gi­gen – sowie die Kon­sti­tu­tio­na­li­sie­rung von „Haus­halts­dis­zi­plin“ über die Fest­schrei­bung so ge­nann­ter ‚Schul­den­brem­sen’ nach deut­schem Vor­bild auf na­tio­na­ler und sub­na­tio­na­ler Ebene. Der Eu­ro-​Plus-​Pakt ist damit, wie der lob­by­kri­ti­sche Ver­band Cor­po­ra­te Eu­ro­pe Ob­ser­va­to­ry in einer Ge­gen­über­stel­lung auf­zeig­te, in wei­ten Tei­len de­ckungs­gleich mit Vor­schlä­gen des eu­ro­päi­schen Ar­beit­ge­ber­ver­bands Busi­nes­s­eu­ro­pe. Um die Durch­set­zung die­ser Leit­li­ni­en zu er­mög­li­chen, wur­den ins­be­son­de­re die Kom­pe­ten­zen der EU-​Kom­mis­si­on aus­ge­baut: Mit dem Eu­ro­päi­schen Se­mes­ter wur­den die Na­tio­nal­staa­ten ver­pflich­tet, ihr Re­form­pro­gram­me zur Prü­fung vor­zu­le­gen, mit dem Two-​Pack darf sie dar­über hin­aus die Haus­hal­te der Mit­glieds­staa­ten be­wer­ten und bei Nicht-​Ge­fal­len zur Über­ar­bei­tung zu­rück­sen­den. In wel­che Rich­tung die Be­wer­tun­gen der EU-​Kom­mis­si­on aus­fal­len, ist ein­deu­tig: Emp­foh­len wurde etwa in das Ta­rif­recht zu in­ter­ve­nie­ren, um Löhne zu sen­ken; Ent­las­sun­gen zu er­leich­tern; die Er­hö­hung von Min­dest­löh­nen zu be­gren­zen; eine Ver­schie­bung von pro­gres­si­ver Be­steue­rung hin zu Kon­sum­steu­ern durch­zu­set­zen oder Schul­den­brem­sen auf na­tio­na­ler Ebene zu im­ple­men­tie­ren.

Nach­dem die Emp­feh­lun­gen der Kom­mis­si­on zu­nächst nicht viel mehr zu sein schie­nen als „Bei­trä­ge zur Dis­kus­si­on“, wie An­ge­la Mer­kel er­klär­te, wur­den sie durch wei­te­re Bau­stei­ne mit wirk­sa­men Sank­ti­ons­me­cha­nis­men ver­knüpft. Die Ver­schär­fung des Sta­bi­li­täts-​ und Wachs­tums­pakts im Rah­men der Six-​Pack-​Re­ge­lun­gen er­laubt es künf­tig ein­fa­cher als bis­her, Staa­ten, die gegen eu­ro­päi­sche Vor­ga­ben der Haus­halts­dis­zi­plin und -​kon­so­li­die­rung ver­sto­ßen fi­nan­zi­ell zu sank­tio­nie­ren – mit Stra­fen in Höhe von bis zu 0,5% des Brut­to­in­lands­pro­dukts (BIP) des Vor­jah­res. Der EU-​Kom­mis­si­on kommt dabei – über das neu ent­wi­ckel­te Ver­fah­ren des re­ver­se ma­jo­ri­ty vo­ting, mit dem ihre Ent­schei­dun­gen au­to­ma­tisch als vom Rat der Wirt­schafts-​ und Fi­nanz­mi­nis­ter an­ge­nom­men gel­ten, wenn die­ser nicht in­ner­halb von zehn Tagen wi­der­spricht – eine ent­schei­den­de Rolle zu. Die eben­falls in den Six-​Pack-​Re­ge­lun­gen ent­hal­te­ne Kon­trol­le zur ‚Ver­mei­dung und Kor­rek­tur ma­kro­öko­no­mi­scher Un­gleich­ge­wich­te’ er­mög­licht es der Kom­mis­si­on dar­über hin­aus jähr­lich auf der Basis eines ‚Score­boards’ von In­di­ka­to­ren ‚über­mä­ßi­ge Un­gleich­ge­wich­te’ – unter an­de­rem Han­dels­bi­lanz­de­fi­zi­te oder ‚ex­zes­si­ve’ Stei­ge­run­gen von No­mi­nal­löh­nen – zu iden­ti­fi­zie­ren und ge­ge­be­nen­falls mit Stra­fen bis hin zu einer Geld­bu­ße von 0,1% des BIP zu sank­tio­nie­ren. Fe­der­füh­rend in die­sem Pro­zess ist in­ner­halb der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on die ex­trem neo­li­be­ral ge­präg­te Ge­ne­ral­di­rek­ti­on Wirt­schaft und Fi­nan­zen (GD ECFIN). Das Per­so­nal der GD ECFIN wurde in­fol­ge­des­sen in der Krise deut­lich auf­ge­stockt.

Mit dem Fis­kal­pakt wird die Ver­an­ker­ung einer Be­gren­zung des struk­tu­rel­len De­fi­zits auf 0,5% sowie einer Ver­schul­dungs­ober­gren­ze von 60% des BIPs in den na­tio­na­len Ver­fas­sun­gen ver­ein­bart. Über­wacht wer­den sol­len die Re­ge­lun­gen vom EuGH. Wird die Ober­gren­ze über­stie­gen, wird au­to­ma­tisch und ohne Ent­schei­dung von Par­la­men­ten ein Kor­rek­tur­me­cha­nis­mus aus­ge­löst, des­sen Aus­ge­stal­tung – wie schon beim Score­board – in den Hän­den der Eu­ro­päi­schen Kom­mis­si­on liegt. Der Fis­kal­pakt steht damit als Ab­kom­men zwi­schen den Mit­glieds­staa­ten zwar au­ßer­halb der eu­ro­päi­schen Ver­trä­ge, greift je­doch in eu­ro­päi­sches Recht ein, was ju­ris­tisch zu­min­dest grenz­wer­tig ist. Die Gel­tungs­dau­er des Pakts ist durch das Feh­len einer Aus­stiegs­klau­sel prin­zi­pi­ell un­be­grenzt. Be­son­ders dras­tisch tritt die au­to­ri­tä­re Aus­te­ri­täts­po­li­tik in den Auf­la­gen der Me­mo­ran­den der ‚men in black‘ (Cristóbal Mon­to­ro) der Troi­ka aus EZB, Kom­mis­si­on und IWF in Grie­chen­land, Ir­land, Por­tu­gal und Spa­ni­en, die mit dem two-​pack eine nach­träg­li­che Rechts­grund­la­ge er­hal­ten hat.

Da die Aus­te­ri­täts­po­li­tik die eu­ro­päi­schen Staa­ten in eine Re­zes­si­on führ­te, wurde 2012 – unter dem Druck Frank­reichs, aber auch in­ter­na­tio­na­ler Staats­ap­pa­ra­te wie dem IWF – mit einer Er­gän­zung der Spar­po­li­tik durch Wachs­tums­in­iti­tia­ti­ven re­agiert wurde (der so ge­nann­te Wachs­tums­pakt). Diese kön­nen je­doch nur als Kos­me­tik für die ein­sei­ti­ge Spar­po­li­tik der EU ge­se­hen wer­den, da sie ei­ner­seits aus schon be­ste­hen­den Töp­fen fi­nan­ziert wer­den und an­de­rer­seits ihnen mit 120 Mil­li­ar­den Euro für die ge­sam­te Eu­ro­zo­ne im Ver­gleich zu an­de­ren Maß­nah­men eher ge­rin­ge Mit­tel zu Ver­fü­gung ste­hen. Der jetzt ver­han­del­te Pakt für Wett­be­werbs­fä­hig­keit setzt die damit ent­stan­de­ne Dop­pel­stra­te­gie – dras­ti­sche Spar­maß­nah­men und halb­her­zi­ge Wachs­tums­in­itia­ti­ven – fort: Man habe aus­führ­lich über die wei­te­re Aus­rich­tung der eu­ro­päi­schen Wirt­schafts­po­li­tik dis­ku­tiert und sich dar­auf ge­ei­nigt, „dass Kon­so­li­die­rung, Struk­tur­re­for­men und Wachs­tum keine Ge­gen­sät­ze sind, son­dern sich ge­gen­sei­tig be­din­gen“, so An­ge­la Mer­kel nach dem Eu­ro­gip­fel.

Po­li­ti­sche In­sta­bi­li­tät

Zu den Kri­sen, die durch das eu­ro­päi­sche Kri­sen­ma­nage­ment ver­stärkt oder aus­ge­löst wur­den, ge­hört nicht nur die wirt­schaft­li­che Re­zes­si­on. Weit­aus be­droh­li­cher für die Be­völ­ke­run­gen – und un­ge­löst durch schein­ba­re Kon­junk­tur­pa­ke­te – sind all­täg­li­che in­di­vi­du­el­le Kri­sen, die in der eu­ro­päi­schen Pe­ri­phe­rie zu mas­si­ven so­zia­len Pro­tes­ten, aber auch zu dras­tisch stei­gen­den Sui­zid-​ und Krank­heits­ra­ten ge­führt haben. Die Pre­ka­ri­sie­rung der all­täg­li­chen Le­bens­be­din­gun­gen fin­det in einer po­li­ti­schen In­sta­bi­li­tät ihren Aus­druck, die po­ten­ti­ell auch die au­to­ri­tä­re Aus­te­ri­täts­po­li­tik für die Wett­be­werbs­fä­hig­keit des eu­ro­päi­schen Ka­pi­tals in Frage stellt. Wahl­er­fol­ge wie jener von Sy­ri­za (aber auch der fa­schis­ti­schen Gol­de­nen Mor­gen­rö­te) in Grie­chen­land oder der Fünf-​Ster­ne-​Be­we­gung in Ita­li­en zei­gen, dass die He­ge­mo­nie­kri­se des EU-​Kri­sen­ma­nage­ments nur zeit­wei­se durch Tech­no­kra­ten­re­gie­run­gen ver­deckt wer­den konn­te. Die au­to­ri­tä­re Aus­te­ri­täts­po­li­tik steht so für eine pre­kä­re, post-​he­ge­mo­nia­le Form der re­prä­sen­ta­tiv­de­mo­kra­ti­schen Herr­schaft, in der eine bü­ro­kra­ti­sier­te und dem de­mo­kra­ti­schen Zu­griff ent­zo­ge­ne Po­li­tik in der EU nur noch be­grenzt die Zu­stim­mung der Be­völ­ke­run­gen fin­det. In­wie­fern sie damit zu­künf­tig in der Lage sein wird, sta­bi­le Ver­wer­tungs­be­din­gun­gen für das eu­ro­päi­sche Ka­pi­tal zu si­chern, bleibt ab­zu­war­ten.

In: ana­ly­se & kri­tik 582

 

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