Frankreich: Das gespaltene Land

Der Text erschien am 09.05.2017 auf Seite 3 im Neuen Deutschland

Ein ganzes Land atmet auf. Mit einer überraschend deutlichen Mehrheit von 66 Prozent der französischen WählerInnen konnte der liberale Kandidat Emmanuel Macron die Stichwahl um das Präsidentenamt für sich entscheiden. Seine Kontrahentin, die Kandidatin der rechtsradikalen Front National, Marine Le Pen, kam dagegen nach Auszählung von 99 Prozent aller Stimmen nur auf 33,9 Prozent und verfehlte damit deutlich den Einzug in den Élysée-Palast.

Die Niederlage von Marine Le Pen ist jedoch alles andere als erfreulich. Denn ihr Ergebnis bedeutet auch, dass 11,6 Millionen Menschen ihr Kreuz bei einer rechtspopulistischen und rassistischen Partei gemacht haben. Die Zustimmung von knapp 34 Prozent der WählerInnen ist ein historisches Ergebnis für die Front National und stellt zugleich einen tiefen Einschnitt in das politische System Frankreichs dar. Denn das Ergebnis zeigt, wie akzeptiert die Partei mittlerweile ist und wie weit sie in die Mitte der französischen Gesellschaft vorgedrungen ist.

Der Aufstieg ist dabei zugleich das Resultat einer sozialen und geographischen Spaltung des Landes. So zeigt ein Blick auf die geographische Verteilung der WählerInnenstimmen, dass die Front National in erster Linie im Norden Frankreichs ihre besten Ergebnisse holen konnte. Marine Le Pen erreichte in der Region Pas-De-Calais, ihrem Wahlkreis für die Parlamentswahlen im Juni, mit 52,05 Prozent eines ihrer besten Ergebnisse. In der Region Asine, ebenfalls in Nordfrankreich, gewann sie mit 52,91 Prozent. In einigen Städten in der Picardie erreichte Marine Le Pen sogar mehr als 70 Prozent.

Die Regionen Nord-Pas-De-Calais oder Picardie stehen dabei für den gesamten Norden der Republik, der durch die wirtschaftlichen Transformationsprozesse der letzten Jahrzehnte stark gezeichnet ist. Infolge des Niedergangs der französischen Industrie sind ganze Landstriche verarmt und von Arbeitslosigkeit betroffen. Es sind Regionen, welche durch die Erfahrungen von Kontroll- und Perspektivverlust geprägt sind. Soziale Infrastruktur fiel Sparzwängen zum Opfer: Schwimmbäder, Schulen und Krankenhäuser wurden geschlossen und sind oftmals nur noch in den größeren Städten zu finden.

Hier zeigt sich eine weitere Spaltungslinie, welche schon im ersten Wahlgang offensichtlich wurde. Während Marine Le Pen vor allem in den ländlichen Gebieten gewählt wurde, holte Emmanuel Macron in den Städten viele Stimmen. In Städten mit mehr als 100.000 Einwohner wählten 72 Prozent den liberalen Kandidaten, während in ländlichen Gebieten oder in Kleinstädten nur 57 Prozent bzw. 65 Prozent in der Stichwahl ihre Stimme für Macron abgaben. Zugleich war er in jenen Regionen stark, die weniger von den wirtschaftlichen Transformationen seit den 1970er Jahren betroffen waren.

Ein Beispiel dafür ist die Bretagne, die wirtschaftlich in erster Linie durch Landwirtschaft und Tourismus sowie eine moderne Industrie geprägt ist. Dort holte der ehemalige Wirtschaftsminister mit 75,36 Prozent ein sehr starkes Ergebnis. In Trémargat, einem kleinen bretonischen Dorf, erhielt er mit 91,8 Prozent sogar eines seiner landesweit besten Ergebnisse. Ein Dorf übrigens, das in der ersten Runde mit 51,6 Prozent für den linken Jean-Luc Mélenchon stimmte.

Was sich geographisch manifestiert, lässt sich auch in einer sozialen Dimension darstellen. Die typischen WählerInnen von Marine Le Pen haben demnach ein unterdurchschnittliches Einkommen und vergleichsweise niedrigen Bildungsabschluss. Dagegen sind die WählerInnen von Emmanuel Macron idealtypisch gut gebildet und verfügen überproportional über ein hohes monatliches Einkommen.

So stimmten 45 Prozent der WählerInnen mit einem Einkommen von weniger als 1250 Euro monatlich für die rechtspopulistische Kandidatin, während es in der Einkommenskategorie 3000 Euro und mehr nur 25 Prozent waren. Ähnliches zeigt sich mit Blick auf den Beruf. Während 82 Prozent der leitenden Angestellten und Führungskräfte am Sonntag für Emmanuel Macron stimmten, waren es bei den ArbeiterInnen nur 44 Prozent.

Die wählten in erster Linie Marine Le Pen, die mit 56 Prozent die präferierte Kandidatin der ArbeiterInnen war. Eine Gruppe übrigens, die mit 32 Prozent ebenso überproportional nicht zur Wahl gegangen ist. Die geographische und soziale Spaltung des Landes hat sich in den Wahlen manifestiert.

Sie zeigt sich im Aufstieg des Rechtspopulismus und in einem tiefen Misstrauen gegenüber den politischen Eliten. Die etablierten politischen Parteien wurden im ersten Wahlgang quasi »weggespült«, das politische System Frankreichs erlebte ein Erdbeben. Das Ergebnis der Stichwahl muss daher ein Warnsignal für alle Demokraten in Frankreich sein.

Frankreich hat gewählt. Eine Einschätzung

Und bevor nun die Jubelschreie alles übertönen, vielleicht eine kurze Einschätzung von mir.

Knapp 11 Millionen Menschen haben heute ihr Kreuz bei einer offen rechtsradikalen, rassistischen und chauvinistischen Partei gemacht. Das ist kein Grund zum Feiern. Ebenso sollte jedem Demokraten Angst und Bange werden, wenn in manchen Regionen der Front National die absolute Mehrheit erringen kann. Während Jean-Marie Le Pen 2002 nur einen Prozentpunkt mehr erreichte als in der erste Runde, konnte Marine Le Pen ihr Ergebnis um knapp 2 Millionen WählerInnenstimmen steigern. 34,5% sind ein historisches Ergebnis für die rechtsradikale Partei, die noch nie in ihrer Geschichte von so vielen Menschen gewählt wurde.

Ein anderes historisches Ergebnis sind die NichtwählerInnen. Scheinbar waren mit 25,3% der Wahlberechtigten so viele Menschen nicht zur Wahl gegangen wie 1969 nicht mehr. Das ist errschreckend, zeugt aber auch davon, dass die Menschen glaubten keine wirkliche Wahl zu haben. Vor allem die WählerInnen von Jean-Luc Mélenchon haben sich nach aktuellen Umfragen ihrer Stimme enthalten („blanc“ gewählt) oder sind gar nicht erst zur Wahl gegangen. Insgesamt haben 8,8% einen weißen Wahlzettel in die Urne geworfen.

Schon vor den Wahlen war klar, dass das politische System Frankreichs vor dem Ende steh

Lorie Shall/Flickr.com (http://bit.ly/2pUaaGV)/ (CC BY-SA 2.0)
Lorie Shall/Flickr.com (http://bit.ly/2pUaaGV)/ (CC BY-SA 2.0)

t. Keine der etablierten Parteien hatte es in die Stichwahl geschafft. Vielmehr ist die französische Sozialdemokratie in der Bedeutungslosigkeit verschwunden. Das Zweiparteiensystem, welches Frankreich jahrzehntelang stabilisiert hatte, ist am Ende. Zwar werden es die Parlamentswahlen im Juni nochmal konkreter zeigen, doch es scheint zu befürchten, dass Emmanuel Macron nicht auf stabilen Mehrheiten seine Politik betten kann.

Und auch die Wahl von Emmanuel Macron kann nicht als Aufbruch interpretiert werden. Wie kein anderer Kandidat repräsentiert Emmanuel Macron, der ehemalige Wirtschaftsminister das französische System. Er wird die Politik von Francois Hollande weiterführen und in seiner neoliberalen Dimension radikalisieren. Er ist ein Kandidat des sozialdemokratischen dritten Weges und kann als Tony Blair a la francaise verstanden werden. In meinem Buch habe ich ihn damals als organischen Intellektuellen des transnationalen Kapitals genannt. Eine Analyse seines Wahlprogramms findet ihr hier (https://www.rosalux.de/publikation/id/14624/die-rueckkehr-der-modernisten/). Macron steht für eine Politik, die die französische Wirtschaft deindustralisiert und die Armut und Arbeitslosigkeit gefördert hat. Seine Köcher ist voller alter Rezepte aus der neoliberalen Schule von Anthony Giddens. Sein Wirtschaftsberater Jean Pisany-Ferry, der nun als Wirtschaftsminister gehandelt wird, hat in einem Interview einmal gesagt: „Macron sieht Wachstum als fundamentalen Bedingung für soziale Gerechtigkeit. Daher bekämpft er alles, was Wachstum blockiert“. Dazu zählt er übrigens auch die Macht der Gewerkschaften, die sich nun sehr warm anziehen können.