Von Erdrutschen und neuen Konstellationen

In den letzten Tagen wurde ich für meine These kritisiert, dass es in Frankreich eine Krise des politischen Systems gäbe. Ich hatte die These in dem Text für die LuXemburg aufgeführt (http://bit.ly/2thMThl). Als Gegenargument wurde eingeworfen, dass der Aufstieg von

Photo: thierry ehrmann/ CC BY 2.0 / Flickr.com
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„En Marche!“ vielmehr eine Neuordnung des politischen Systems sei, nicht aber Ausdruck einer Krise. Dies zeige allein das „schlechte“ Abschneiden des Front National.

 
Nach der heutigen 2. Runde halte ich die Kritik an meiner These für wenig gerechtfertigt. Allein ein Blick auf die Wahlbeteiligung bei einer solch wichtigen Wahl sollte jedem Demokraten nachdenklich machen. An den Parlamentswahlen haben sich deutlich weniger als die Hälfte der Wahlberechtigen (43,4%) beteiligt. Im Vergleich zur ersten Runde ist die Teilnahme nochmals deutlich gesunken. Aber auch abseits der Wahlbeteiligung handelt es beim Wahlausgang um mehr als eine Neuordnung.
 
Mit „En Marche“ ist ein Akteur auf der politischen Bühne erschienen, der sich diskursiv und formal vom alten politischen System abgrenzt und die Strukturen der 5. Republik „aufräumen“ will. Ihr Aufstieg ist ein Bruch mit den etablierten Parteien und ihren Strukturen. Auch heute wurden sowohl Sozialdemokraten als auch Konservative abgestraft. Die Sozialdemokratie liegt am Boden, ihre Fraktion ist um 90% geschrumpft. Ebenso haben auch die Konservativen eine herbe Niederlage erlitten und haben sich halbiert. Für ein politisches System, welches Jahrzehnte durch die zwei Parteien stabil gehalten wurde, mehr als ein Erdbeben.
 
Die heutigen Wahlen haben gezeigt, dass viel Bewegung geraten ist und das politische System in Frankreich in Transformation begriffen werden muss. Abgesehen vom Sieg von „En Marche“ und dem Wahldebakel der beiden großen Parteien müssen noch zwei Punkte genannt werden.
 
1.) wird es diesmal eine relativ starke linke Opposition geben. France Insoumise und die Kommunistische Partei haben zusammen 26 Abgeordnete und damit ihr Ergebnis von 2012 fast verdoppeln können. Zugleich ist mit Jean-Luc Mélenchon das berühmtes Gesicht der Linken im französischen Parlament. Das ist ein sehr gutes Ergebnis.
 
2.) Zugleich konnte auch der Front National sein Ergebnis im Vergleich zu 2012 deutlich steigern. Erstmals seit 1986 wird die rechtsradikale Partei mit 8 Abgeordneten im Parlament vertreten sein, darunter auch die Parteivorsitzende Marine Le Pen. Natürlich konnten der Front sein Ziel in Fraktionsstärke einzuziehen nicht erreichen, doch muss auch beachten, dass in acht Wahlkreisen der Front National mit mehr als 50% gewählt wurde und sich sowohl gegen die En Marche als auch gegen die Konservativen durchsetzen konnte. Dann erkennt man, dass die FN ein historisches Ergebnis bekommen hat.
 
Emmanuel Macron und En Marche haben ein starkes Ergebnis bekommen. Es wird die Regierungspolitik deutlich vereinfachen. Ein Blick auf sein Programm zeigt, dass er v.a. für die Unternehmen und Reichen in diesem Land Politik machen wird. Viele seiner Forderungen gleichen denen des Gesamtunternehmensverband MEDEF. Eine Menge der heute gewählten Abgeordneten sind Unternehmer oder mit den großen Wirtschaftsinteressen verbunden. Überspitzt formuliert könnte man sagen, dass MEDEF nun direkt an den Schalthebeln der politischen Macht sitzt. Folgt man Poulantzas, dass ist genau das aber ein Zeichen für eine tiefe politische Krise. Nämlich dann, wenn die relative Autonomie zwischen dem Staat und den Kapitalinteressen erodiert. Zugleich bedeutet die absolute Mehrheit für Macron, dass eine parlamentarische Opposition faktisch keinen Einfluss hat. Es wird also in erster Linie an den Gewerkschaften und der Bewegung liegen, Macron in seine Schranken zu verweisen. Ob dies gelingen wird, mag ich heute bezweifeln.
Zugleich steht die Linke und Mélenchon nun vor einer historischen Aufgabe. Es gilt jene organisatorisch zu binden, die im Wahlkampf für France Insoumise aktiviert wurden. Zugleich wird es die Aufgabe von FI sein, die Scherben, die die PS hinterlassen hat aufzukehren und die Linke zu einen. Dabei muss sie sich zum einen mittelfristig von Mélenchon emanzipieren und allein schon aufgrund seines Alters weitere Akteure aufbauen. FI hat zahlreiche intelligente und kluge Köpfe, so dass das wohl weniger ein Problem ist. Viel größer wird das Problem sein, ein gegenhegemoniales Projekt zu artikulieren, was sowohl einen utopischen Überschuss besitzt als auch einen sozialen Mythos entfalten kann. Das Programm von FI ist dafür ein Anfang.
 
Photo: thierry ehrmann/ CC BY 2.0 / Flickr.com